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Repräsentationen des sozialistischen Jugoslawien im Umbruch

Entwicklungen seit den 1970er Jahren

Netzwerkpartnerschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Belgrad, der Universität Sarajevo und des Instituts für Nationalgeschichte aus Skopje

Wird das Narrativ eines sich langwierig hinziehenden Scheiterns, das dann in einem Staatszerfall gipfelte, tatsächlich der äußerst dynamischen Veränderung der jugoslawischen Politik, Gesellschaft und Kultur in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gerecht? Waren die Jahrzehnte des sozialistischen Jugoslawien über weite Strecken nicht auch die Geschichte eines erstaunlich erfolgreichen Modernisierungsschubes und Wohlstandgewinns für immer breitere Teile der Gesellschaft? Oder waren es dann doch die immer größeren strukturellen Ungereimtheiten und Widersprüche, die die sozialistische Einparteieherrschaft unter Tito produzierte und das Modell des lange gerühmten Selbstverwaltungssozialismus immer dysfunktionaler und desintegrativer werden ließen? In den einzelnen ex-jugoslawischen Ländern klingen solche unterschiedlichen  Interpretationskonflikte mit zunehmendem Abstand zum Ende des sozialitischen Jugoslawien bzw. zu den Kriegen der 1990er Jahre nicht nur nicht ab. Im Gegenteil, sie werden sogar vielfach immer vehementer und mit sehr konträren Standpunkten ausgetragen. Das betrifft den Bereich der historiographischen oder intellektuellen Debatte in verschiedenen Schattierungen ebenso wie jene der alltäglichen Erinnerungsinszenierungen in breiteren Teilen der Gesellschaft.
Das vorliegende Projekt stellt nicht den Anspruch, die Deutungskonflikte auflösen zu können. Vielmehr soll ein Perspektivenwechsel vorgeschlagen werden, den man vereinfacht als Suche nach Repräsentationen des sozialistischen Jugoslawien im Umbruch bzw. ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit (hier vor allem seit den 1970er Jahren) nennen kann.
Repräsentationen stellen in diesem Zusammenhang Verfahren in Form mentaler Kategorien, kollektiver Erfahrungen und symbolischer Formen dar, die anhand von Stereotypisierungen Lebensverhältnisse und Erfahrungen ordnen und somit Vorstellungen und Denkweisen prägen (vgl. etwa Berger/Luckmann 1980; Ankersmit 1997; Baberowski 2009). In der Auseinandersetzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden – vor allem in Krisenzeiten – werden gewohnte Repräsentationen herausgefordert, umgedeutet und radikalisiert, so dass sich Wandlungsprozesse in besonderer Weise untersuchen lassen (vgl. etwa Barth 1967; Baumann 1999; Mergel 2012). Hinzu kommt, dass sich im Falle des sozialistischen Jugoslawien aufgrund seiner spezifischen innen- und außenpolitischen Verfasstheit und seiner Sonderrolle zwischen dem westlich-kapitalistischen und östlich-kommunistischen Block der Wandel von Repräsentation insbesondere in Neuverortungen von Eigen- und Fremdbildern niederschlug, die in der Auseinandersetzung und Ausverhandlung von Konzeptionen „des Ostens“ und „des Westens“ und der Stellung Jugoslawiens in diesem Spannungsverhältnis geformt wurden.
Das Projekt ist eine Fortsetzung des einjährigen Netzwerkprojektes „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“, das dank der Förderung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Januar 2013 begann und Ende des Jahres seine Pilotphase abschloss. Ergebnisse dieser ersten Projektphase sind unter anderem eine Reihe von Working Papers, die von den ProjektteilnehmerInnen vorweg veröffentlicht und im Rahmen der Herbstkonferenz in Belgrad diskutiert wurden.
Das aus mehreren Teilprojekten bestehende Forschungsvorhaben ging zum einen von der Prämisse aus, dass die Geschichte des sozialistischen Jugoslawien (vgl. etwa aktuell Calic 2010; Sundhaussen 2012) als ein Ineinanderwirken von gesellschaftlichen, geographischen, kulturellen und natürlich auch ökonomischen und politischen Dynamiken zu untersuchen ist. Die Erforschung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ – von 1945-63 Föderative Volksrepublik Jugoslawien, FNRJ) dient hierbei als Grundlage für einen partnerschaftlichen akademischen Austausch über ein gemeinsames geschichtliches Erbe. Ein wissenschaftliches Netzwerk von Lehrenden und Studierenden innerhalb und außerhalb der Region soll gemeinsam an dieser Thematik wissenschaftlich zusammenarbeiten. Die sozialistische Periode wird dabei als Zeit einschneidenden Wandels und dann mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Herrschaftssystems dann fundamentalen Umbruchs sozialer Ordnungen verstanden, in der Ausverhandlungsprozesse in Gang gesetzt wurden, die neue Ordnungskonzepte und Wertordnungen hervorbrachten.
Diese Transformierungen und Neuverortungen, Reinterpretationen von Wahrnehmungen und Deutungsmustern wurden unter dem Titel „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ zusammengefasst und bilden den konzeptionellen Rahmen sowohl der bisherigen, erfolgreichen gemeinsamen Arbeit als auch ihrer angestrebten Fortführung, die hiermit beantragt wird.
Unter diesem gemeinsamen konzeptionellen Dach sollen weiterhin Studierende, Promovierende, NachwuchswissenschaftlerInnen und ProfessorenInnen der Geschichtswissenschaften aus Belgrad, Sarajevo, Berlin sowie in der zweiten Phase auch aus Skopje zusammen kommen, um ihre Forschungsarbeiten auf dieser thematisch-methodischen Grundlage zu verknüpfen, im gegenseitigen Austausch weiterzuentwickeln und in der Kooperation neue wissenschaftliche Ansätze über disziplinäre und nationalstaatliche Grenzen hinweg zu diskutieren.
Bereits im bisherigen Projektverlauf wurde dabei deutlich, dass diese Zusammenarbeit besonders gut geeignet ist, damit auch dauerhafte Vernetzungen und Kooperationen zwischen den genannten Forschungsstandorten aufzubauen – sowohl innerhalb der Region als auch hinsichtlich einer Internationalisierung der Lehre an den südosteuropäischen Partnerhochschulen, die auch nach dem Ende der DAAD-Förderung Bestand haben soll.
Die Fortsetzung der Zusammenarbeit im Rahmen des Forschungsprojektes mit der Unterstützung des DAAD ermöglicht dabei sowohl die Festigung der hergestellten Kontakte als auch einen noch engeren Austausch der einzelnen fortan nach thematischen Clustern arbeitenden Forschergruppen. Überdies ließ sich durch eine Fortsetzung der Förderung das Netzwerk um NachwuchswissenschaftlerInnen aus Skopje erweitern.

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