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Repräsentationen des sozialistischen Jugoslawien im Umbruch

Das sozialistische Jugoslawien prägte in ganz besonders starker Weise die Geschichte und Entwicklung Südosteuropas in der neueren Zeit – und doch ist es nur in ungenügendem Maße als Gegenstand in den Geschichtswissenschaften der postjugoslawischen Nachfolgestaaten vertreten. Erst seit Kurzem rückt die sozialistische Periode wieder vermehrt in den Fokus, wobei die Forschung ebenso wie die Lehre zunehmend vor allem regionalen und nationalstaatlichen Aufteilungen folgen, oftmals sehr negativ konnotiert werden oder im Gegensatz verklärende „jugonostalgische“ Züge tragen.

Das Projekt „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ geht zum einen von der Prämisse aus, dass die Geschichte des sozialistischen Jugoslawien als ein Ineinanderwirken von gesellschaftlichen, geographischen, kulturellen und natürlich auch ökonomischen und politischen Dynamiken zu untersuchen ist.(vgl. etwa Calic 2010) Die Erforschung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ – von 1945-63 Föderative Volksrepublik Jugoslawien FNRJ) dient hierbei als Kooperationsplattform, auf deren Grundlage ein partnerschaftlicher akademischer Austausch zu einem gemeinsamen geschichtlichen Erbe befördert und dadurch ein wissenschaftliches Netzwerk von Lehrenden und Studierenden innerhalb und außerhalb der Region geschaffen wird. Zudem wird die sozialistische Periode als Zeit einschneidenden Wandels und Umbruchs sozialer Ordnungen verstanden, in der Ausverhandlungsprozesse in Gang gesetzt wurden, die neue Ordnungskonzepte und Wertordnungen hervorbrachten. Diese Transformierungen und Neuverortungen, Reinterpretationen von Wahrnehmungen und Deutungsmustern werden unter dem Titel „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ zusammengefasst und bilden den konzeptionellen Rahmen der gemeinsamen Arbeit.

Repräsentationen stellen in diesem Zusammenhang Verfahren in Form mentaler Kategorien, kollektiver Erfahrungen und symbolischer Formen dar, die anhand von Stereotypisierungen Lebensverhältnisse und Erfahrungen ordnen und somit Vorstellungen und Denkweisen prägen (vgl. etwa Berger/Luckmann 1980; Ankersmit 1997; Baberowski 2009). In der Auseinandersetzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden und vor allem in Krisenzeiten werden gewohnte Repräsentationen herausgefordert, umgedeutet und radikalisiert, so dass sich Wandlungsprozesse in besonderer Weise untersuchen lassen (vgl. etwa Barth 1967; Baumann 1999; Mergel 2012). Hinzu kommt, dass sich im Falle des sozialistischen Jugoslawien aufgrund seiner spezifischen innen- und außenpolitischen Verfasstheit, seiner Sonderrolle zwischen dem westlich-kapitalistischen und östlich-kommunistischen Block, der Wandel von Repräsentation insbesondere in Neuverortungen von Eigen- und Fremdbildern niederschlug, die in der Auseinandersetzung und Ausverhandlung von Konzeptionen „des Ostens“ und „des Westens“ und der Stellung Jugoslawiens in diesem Spannungsverhältnis geformt wurden.

Unter diesem gemeinsamen konzeptionellen Dach finden sich Studierende, Promovierende, NachwuchswissenschaftlerInnen und Professoren der Geschichtswissenschaften aus Belgrad, Sarajevo und Berlin zusammen, um ihre Forschungsarbeiten auf dieser thematisch-methodischen Grundlage zu verknüpfen, im gegenseitigen Austausch weiterzuentwickeln und in der Kooperation neue wissenschaftliche Ansätze über disziplinäre und nationalstaatliche Grenzen hinweg zu diskutieren. Von hier aus sollen auch dauerhafte Vernetzungen und Kooperationen zwischen den genannten Forschungsstandorten aufgebaut werden – sowohl innerhalb der Region als auch hinsichtlich einer Internationalisierung der Lehre an den südosteuropäischen Partnerhochschulen.

Das Projekt erfolgt in Zusammenarbeit der Humboldt-Universität zu Berlin (Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte), der Universität Belgrad (Philosophische Fakultät, Zentrum für Zeitgeschichte Balkans) und der Universität Sarajevo (Institut für Geschichte) und wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst – DAAD gefördert.

Alle Einzelprojekte setzen sich unter dem weit gefassten Konzept der „Jugoslawien-Repräsentationen“ im Spiegel sich wandelnder Vorstellungen von Ost und West mit Zeiten des Umbruchs auseinander: So untersucht Olivera Marković (Universität Belgrad) in ihrem Projekt „Repräsentationen von Ost und West in der jugoslawischen Parteipresse im Umbruchsjahr 1948-1949“ die Wandlungsprozesse, die der politische Umbruch mit der Kominformkrise auslöste und infolge dessen eine sowohl politische als auch symbolisch-repräsentative Westorientierung Jugoslawiens in Gang gesetzt wurde.

Einen weiteren Umbruch, der in besonderer Weise die Eigen- und Fremdkonzeptionen von und über Jugoslawien prägte, stellt die seit den 1960er Jahren einsetzende massenhafte „Gastarbeitermigration“ jugoslawischer Staatsbürger vor allem in die BRD dar. Mit akteursorientierten Aspekten der politischen und nationalen Standortsuche und -bestimmung befassen sich in diesem Zusammenhang die Projektvorhaben von Prof. Husnija Kamberović  mit dem Titel „In Deutschland Bosnier, in Bosnien Serben, Kroaten und Muslime: zur Identität von Gastarbeitern aus Bosnien und Herzegowina in Deutschland“ bzw. jenes von Dženita Sarač Rujanac (beide Institut für Geschichte in Sarajevo) über „Die politische Emigration aus Bosnien und Herzegowina und ihr Verhältnis zu Jugoslawien“ auseinander. Konzentriert mit den konfessionellen Dimensionen arbeitet hierbei Amir Duranović (Universität Sarajevo) in seinem Forschungsvorhaben über „Das religiöse Leben der Gastarbeiter aus Bosnien und Herzegowina in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren“. Den Veränderungen der Repräsentationen des Westens anhand der Migrationserfahrungen in der BRD sowie der jugoslawischen Selbst-, der deutschen Fremdbilder und ihrer Perzeption in Jugoslawien, die sich u.a. in neuen Vorstellungen über Arbeit, Ernährung und Musik niederschlugen, widmen sich das Projekt „Čevapčići und Kruškovac: Gastronomische Betriebe von MigrantInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der BRD“ von Dr. Vladimir Ivanović (Universität Belgrad) und Ruža Tokić (Humboldt-Universität zu Berlin) sowie „Balkan Goes Global. Musik und die Konstituierung transnationaler Gesellschaften“, an dem Đorđe Tomić, Mathias Thaden und Alexander Praetz (Humboldt-Universität zu Berlin) beteiligt sind.

In enger Verbindung zu diesen Entwicklungen steht auch das Aufkommen des Massentourismus in Jugoslawien seit den 1970er Jahren, das sowohl Vorstellungen von Freizeit- und Urlaubsgestaltung veränderte als auch neue Repräsentationen von Jugoslawien im In- und Ausland prägte. Diesem Thema nähern sich in vergleichender Perspektive Darko Tmušić (Universität Belgrad), der „Vorstellungen des Westens in der touristischen Propaganda der 1970er Jahre in Jugoslawien“ untersucht, sowie Pavle Košić (Universität Belgrad) mit seinem Projekt zu „Vorstellungen des Ostens im in der touristischen Propaganda der 1970er Jahre in Jugoslawien“. In Anknüpfung an den Wandel der Wahrnehmungen über den Westen, die schrittweise Öffnung Jugoslawiens gegenüber der kapitalistischen Welt und das Vordringen westlicher Massenkultur widmet sich Ass. Prof. Dr. Radina Vučetić (Universität Belgrad) dem Fallbeispiel „Die ,McDonaldisierung’ Serbiens, 1988-2008: Zwei Bilder einer Gesellschaft.“

Das Projekt „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ ermöglicht in der Gesamtheit betrachtet nicht nur einen neuen wissenschaftlichen Zugriff und eine aktuelle konzeptionelle Basis für die Erforschung gesellschaftlicher und geschichtlicher Wandlungsprozesse im sozialistischen Jugoslawien vom Kalten Krieg bis in die Gegenwart. Vielmehr begründet es ein akademisches Netzwerk, innerhalb dessen sich Studierende, Graduierte und Lehrende aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften über Themen eines gemeinsamen geschichtlichen Erbes verständigen und kooperative Forschungsansätze erproben. Gerade jungen Historikern kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Indem sie frühzeitig durch Forschungsaufenthalte innerhalb der Region und in der BRD an eine engere, projektbezogene und theoretisch-methodisch geleitete Zusammenarbeit herangeführt werden, können sie einen entscheidenden Beitrag zur Öffnung und Überwindung nationalhistoriographisch verstandener Geschichtswissenschaft leisten. Durch die Inklusion gemeinsam erarbeiteter Forschungsergebnisse prägen sie multiperspektivische Geschichtsbilder und legen damit die Grundlagen für neue Wege der akademischen Kooperation. Mehr noch  ermöglicht das Konzept der „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ nicht nur die Vernetzung innerhalb der Region, sondern auch zwischen den Beteiligten vor Ort und Nachwuchswissenschaftlern in der BRD. Der Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin trägt mit seinem ausgeprägten historisch-anthropologischen Profil und seiner Kompetenz in der Forschung zum ehemaligen jugoslawischen Raum über die Verortungen jugoslawischer und deutscher Eigen- und Fremdbilder anhand kultur-, migrations- und konsumhistorischer Ansätze entscheidend dazu bei, die Geschichte des sozialistischen Jugoslawiens gemeinsam mit den Kooperationspartnern vor Ort als transnationale Geschichte von Verflechtungen und Transfers zu denken.

Auf Koordinationstreffen der drei Projektleiter im Januar 2013 in Berlin und im April 2013 in Sarajevo bzw. dem Workshop in Belgrad im September 2013 sollen Vorgehensweisen, Programme und weitere Maßnahmen zur nachhaltigen Implementierung mit den Kooperationspartner diskutiert und evaluiert werden. Anlässlich dieser Treffen werden an den jeweiligen Forschungseinrichtungen Vorträge und Lehrangebote der Gastwissenschaftler durchgeführt, wodurch die Projektarbeit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Ebenso werden die Nachwuchswissenschaftler im Rahmen ihrer mehrmonatigen Forschungsaufenthalte in Belgrad, Sarajevo und Berlin intensiv von den jeweiligen Kooperationspartnern betreut, in der Entwicklung ihrer Arbeit begleitet und in das akademische Umfeld vor Ort eingeführt.

Das Herzstück der Projektarbeit bildet der mehrtägige Workshop im September 2013 in Belgrad, auf dem alle Beteiligten ihre Forschungsarbeiten und Ergebnisse diskutieren sowie weitere Konzeptualisierungen gemeinsamer Kooperation entwickeln sollen.

Um von dieser Agenda ausgehend eine nachhaltige Entwicklung von Lehre und Forschung in der Region zu fördern und zu sichern, sollen Forschungsergebnisse und Kooperationserfahrungen aus der beantragten Netzwerkpartnerschaft in Form von Erfahrungsberichten und wissenschaftlichen Artikeln auf Internetplattformen bzw. in Publikationsreihen veröffentlicht werden, um die Wissenschaftsgemeinschaften und eine interessierte Öffentlichkeit mit diesen bekannt zu machen sowie weitere Diskussionen über das Konzept der Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch anzuregen. Besondere Bedeutung wird hierbei u.a. den folgenden Online-Plattformen zur Südosteuropaforschung zukommen, deren Redaktionen in die Planung des vorliegenden Antrags involviert sind. Das sind zum einen die „Südosteuropäischen Hefte“ (http://suedosteuropaeische-hefte.org/), die ein neu etabliertes und dynamisches Forum zur jungen deutschsprachigen Südosteuropaforschung darstellen. Zum anderen handelt es sich hierbei mit den „jugoLink“ (http://jugolink.wordpress.com/) um eine innovative Zeitschrift, die u.a. das Ziel verfolgt, aktuelle Forschungsdebatten in und über den südosteuropäischen Raum in den südslawischen bzw. südosteuropäischen Originalsprachen zu vermitteln. Enge Verbindungen bestehen über die Teilprojektleiter und Mitarbeiter/innen in Serbien bzw. Bosnien-Herzegowina auch zu den in Belgrad bzw. Sarajevo herausgegebenen renommierten Zeitschriften „Godišnjak za društvenu istoriju“ (http://www.udi.rs/annual.asp) und den „Prilozi“ (http://www.iis.unsa.ba/izdavacka_djelatnost/periodika/prilozi/prilozi.html).

Auf der Grundlage dieses Pilotprojekts zwischen der Universität Belgrad, dem Institut für Geschichte in Sarajevo und dem Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, der daraus gewonnenen Forschungsergebnisse und Erfahrungswerte könnte dann in einem nächsten Schritt ein Ausbau des Netzwerkes durch Einbeziehung Studierender und Lehrender aus weiteren postjugoslawischen Republiken voranzutreiben.

In Hinblick auf regionale Zusammenarbeit erscheint uns dieses Projekt in doppelter Weise von Bedeutung. Es handelt sich nicht um eine schlichte Forschungslücke, die vermittels dieses Projektes bearbeitet werden soll. Das Themenfeld „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“ berührt gesellschaftliches Selbstverständnis und wissenschaftliche Praxis in den Nachfolgestaaten zugleich. Insbesondere vor dem Hintergrund der zerstörerischen Dynamik der Kriege der 1990er Jahre handelt es sich nicht nur um eine rein akademische Frage der Bewertung des Erbes des sozialistischen Jugoslawiens. Diese ragt in existentieller Weise in den gesellschaftlichen Alltag der staatlichen Neugründungen hinein – gerade in Bosnien und Herzegowina und in abgewandelter Form auch in Serbien. „Jugoslawien“ bildet ein immer noch stark emotional, positiv wie negativ, besetztes politisches Symbol.

Umso überraschender ist es, dass in den nun national separierten Historiographien die jugoslawische Gesellschaft als Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit eher von nachrangiger Bedeutung ist. Im Gegensatz zum publizistischen (wie auch immer verzerrten) Interesse und der Existenz eines buchstäblichen Marktes für „Jugonostalgija“ bildet die wissenschaftliche Auseinandersetzung auch mit dem gerade skizzierten Phänomen in den Nachfolgestaaten selbst (mit relativ wenigen Ausnahmen, vgl. etwa Velikonja 2008) eine Randerscheinung. Zudem dominieren, wenn die Geschichte Jugoslawiens thematisiert wird, vor allem politikgeschichtliche Modelle. Die Auseinandersetzung mit Ansätzen aus einer kulturgeschichtlichen oder historisch-anthropologischen Perspektive bleiben dagegen randständig.

Gerade auf ein solchermaßen in seinem gesellschaftlichen Kontext verortetes wissenschaftliches Defizit zielt das Gemeinschaftsprojekt „Jugoslawien-Repräsentationen im Umbruch“. Ziel der Thematisierung jugoslawischer Geschichte aus anderen und unterschiedlichen fachlichen Perspektiven ist es, verlorene Fäden aufzunehmen und neue Beziehungen in der Region zu knüpfen. Eine Zusammenarbeit zwischen HistorikerInnen in der Region existiert zwar, doch ist sie erstens sporadisch und zweitens von der älteren Generation geprägt – der es gelungen war, trotz aller nationalistischen Anfechtungen, Kontakte über die engen Republikgrenzen hinaus zu gewährleisten.

Für die jüngere Generation gilt dagegen, dass zwar internationale wissenschaftliche Kontakte zunehmend von Bedeutung sind, Kontakte nach Westeuropa, USA und die Türkei oder neuerdings Russland durchaus geknüpft werden. Die Beziehungen gerade dieser jüngeren Generation in der Region selbst werden dagegen immer loser und dies in einem politischen Umfeld, in dem insbesondere in Bosnien und Serbien die regional integrierende Ausrichtung an der EU immer mehr abnimmt. Gerade hier ist aber der wissenschaftliche Nachwuchs von großer Bedeutung, wenn es darum geht, wie sich Forschung jenseits enger nationaler Narrative entwickeln kann.

Damit steht in diesem Projekt die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Mittelpunkt und dies insbesondere unter zwei Aspekten:

Erstens handelt es sich um ein prinzipielles Problem, mit dem der wissenschaftliche Nachwuchs unter den permanenten Krisenbedingungen in den postjugoslawischen Gesellschaften konfrontiert ist, und die die Qualität von Ausbildung und Forschung immer wieder bedrohen. Auch in dieser Hinsicht kann dieses Projekt  einen Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen vor Ort leisten.

Zweitens geht es insbesondere darum, angesichts der immer schwächeren Beziehungen zwischen den einzelnen Universitäten, gerade die Kontakte zwischen dem wissenschaftlichen Nachwuchs in der Region zu stärken und zu verstetigen. Dies wird vor allem von der Perspektive eines nachhaltigen, regelmäßigen und damit selbstverständlichen wissenschaftlichen Austausches gerade zwischen Sarajevo und Belgrad geleitet. Vermittelt wird dies in einem ersten Schritt über die Auseinandersetzung mit jugoslawischer Geschichte und der Diskussion über neue Ansätze und Herangehensweisen, die neuere Geschichte dieser Region zu schreiben.

Lesen Sie mehr über die Fortsetzung des Projektes…

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